„An die Musik“, „An den Mond“, „An die Nachtigall“ – die Anrede an ein Du, das nicht antworten kann, ist eine der ältesten Formen des deutschen Liedes. Hier wird eine Biene so angesprochen, als Priesterin der Blüten, und das Lied nimmt sie ernst genug, um ihr fünf Strophen lang nachzudenken.
Die zweite Strophe führt weit zurück. Nach alter Überlieferung wurde der junge Zeus in einer Höhle auf dem Ida versteckt und mit Honig genährt; die Nymphe, die ihn fütterte, hieß Melissa, und das heißt auf Griechisch nichts anderes als Biene. „Hellas war dein erstes Heim.“
Dann kippt es ins Moll, und dort steht der härteste Gedanke des Liedes: „Doch kurz ist deines Sommers Fülle, sechs Wochen, und du sinkst dahin; was du gesammelt in der Stille, genießen andre. – Das ist Sinn.“ Beides stimmt – sechs Wochen lebt eine Sommerbiene, und der Honig ist nie für sie selbst bestimmt.
Die vierte Strophe holt das Ganze heim, dorthin, wo sich Enns und Steyr treffen. Und die fünfte macht aus der Betrachtung eine Bitte, mit einer Schlusszeile, die man von einem Imkerlied nicht erwartet – „und süß zu werden irgendwann“.
Bariton – schlicht und innig
Du kleine Priesterin der Blüten,
die still von Kelch zu Kelche zieht –
was hast du unbewusst zu hüten?
Was singst du für ein stummes Lied?
feierlicher – das Klavier in breiten Akkorden, wie aus alter Zeit
Einst nährtest du im Idagrunde
den jungen Gott mit goldnem Seim;
noch duftet's aus der alten Kunde –
Hellas war dein erstes Heim.
Moll, langsamer – das Klavier stockend
Doch kurz ist deines Sommers Fülle,
sechs Wochen, und du sinkst dahin;
was du gesammelt in der Stille,
genießen andre. – Das ist Sinn.
Zwischenspiel – Klavier, Übergang vom Moll zu fließenden Wellen
fließend – das Klavier wie Wasser
Wo Enns und Steyr sich grün umschlingen,
da sah ich dich am Abend ziehn,
mit goldbestäubten, müden Schwingen
zum Stock, zur Ruh' – zu ihnen hin.
wieder Dur und warm – das Summen kehrt im Klavier zurück
O lehre mich, du kleine Weise,
zu geben, was ich still gewann,
und froh zu sein auf meiner Reise –
und süß zu werden irgendwann.
Und süß zu werden … irgendwann.
Nachspiel – die summende Figur wird leiser und verklingt
Dieses Lied darf frei verwendet werden – für den Vereinsabend, die Jahreshauptversammlung, den Honigstand, die Vereinshomepage oder einfach zum Weiterschicken. Kopieren, vorspielen, bearbeiten, auch kommerziell: alles erlaubt unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 (CC BY 4.0). Einzige Bedingung ist die Nennung:
„An die Biene“ von Herbert Vitzthum – CC BY 4.0