Am Gartenzaun, im Bienenhaus,
da schlüpfte eines Morgens früh
ein kleines Bienchen, Thilde, aus –
doch fliegen konnte Thilde nie.
Der eine Flügel war ganz krumm,
der andre knittrig wie Papier,
die Schwestern summten um sie rum:
„Was machen wir denn nun mit dir?“
Doch drinnen gibt es viel zu tun,
bevor man in den Himmel fliegt;
da putzte Thilde, ohne Ruh'n,
die Zellen blank, wie's keine kriegt.
Sie fütterte die kleine Brut,
sie baute Wachs, so fein und dicht,
und wurde, weil sie's gerne tut,
die Beste – doch man sah es nicht.
Nicht jede muss fliegen,
um etwas zu tragen,
nicht jede muss laut sein,
um etwas zu sagen.
Es hält uns zusammen,
was keiner sieht:
die Stillen, die Kleinen
und ihr leises Lied.
Die Sammlerinnen, schnell und stolz,
die prahlten: „Wir sind's, die was tragen!“
Doch dann kam Frost ins dünne Holz
und Regen, viele, viele Tage.
Die Brut lag kalt im Wabenrund,
und draußen konnte keine fliegen –
da kroch die Thilde an den Grund
und legte sich zu all den Wiegen.
Sie zitterte mit aller Kraft,
mit Muskeln, die zum Fliegen sind –
und was kein Flügel je geschafft,
das schaffte sie: Sie wärmt' das Kind.
Und als die Sonne wiederkam
und alle wieder flogen aus,
da sagte eine, leis und warm:
„Ohne Thilde – wär' kein Haus.“
Nicht jede muss fliegen,
um etwas zu tragen,
nicht jede muss laut sein,
um etwas zu sagen.
Es hält uns zusammen,
was keiner sieht:
die Stillen, die Kleinen
und ihr leises Lied.
Und wenn ihr einmal an einem Bienenstock vorbeikommt,
und eine sitzt am Flugloch und fliegt nicht weg –
vielleicht ist das die Thilde.
Grüßt sie von mir.